Freitag, 4. März 2016

Wir lieben und wissen nichts

“Ach richtig, du trinkst ja nichts mehr.” — Pause, großer Alkoholschluck meines Gegenübers, und weiter: “Beneidenswert!”
Ehrlicherweise habe ich erwartet, dass jemand erstaunt fragt, ob ich nun wieder in einer Beziehung bin. Als ich letztes mal laut verkündete, dass ich nun nichts mehr trinken werde, stürzte ich mich Hals über Kopf in eine Beziehung mit einem Mann, den ich nichtmal kannte. Ich kannte seinen Charakter, seine Gedanken und seine Art und Weise wie er mit Frauen umging nicht. Oder ich überspielte sie vielleicht gekonnt mit dem Hinter-gedanken er sei meine große Liebe. Ich hätte nie geglaubt, dass Liebe so einsam machen kann. Worte wurden eingesetzt wie Waffen zur gezielten Manipulation und je ich mich versah sind schon ganze vier Sommer vergangen und ich steckte in einer Beziehung, aus der ich nicht wusste wie ich aussteigen soll.
Es ist seltsam wie wir uns detailiert an Geschehnisse zurück erinnern können und an die Emotionen die wir empfunden haben. Aber das Fühlen dieser Emotionen bleibt aus. Das Gefühl von Liebe wich schon vor langer Zeit der Gleichgültigkeit, die wie es scheint, für lange Zeit Platz nehmen möchte. Zumindest in Bezug auf ihn. Das Leben gleicht mir einer Bahnfahrt bei der ich nicht weiß wann der nächste Halt ist und wie lange die Rast wohl diesmal dauert, dabei würde ich viel lieber schon längst am Ziel sein. Bewundernswert wie Menschen an die große Liebe glauben können. Ich bin mir nicht sicher, ob es sie für jeden von uns gibt.
Als ich meinen Freundinnen Wochen nach seinem Geständnis erzählte, er habe mich betrogen reagierten sie im Grunde alle gleich. “So ein Arschloch.” “Lass diesen Penner fallen, er ist es nicht wert.” Als würde weitere Negativität den Schmerz einfach wegschütteln. Erinnerungen sind nicht stillstehend. Wir formen unsere Erinnerungen durch das an was wir uns ständig erinnern. Wenn ich mich auf seine Fehler fokussiere, dann wird genau das meine Erinnerung an ihn. Es sind die Dinge, die wir ständig zu uns selber sagen die unsere Erinnerung formen.
Aber die Wahrheit ist, an einem Punkt meines Lebens, habe ich ihn sehr geliebt. Und damit meine ich diese Weise, bei der wir nichts machen brauchten und ich das glücklichste Mädchen der Welt war. Abends im Sommer am See sitzen hat sich unglaublich lebendig und intensiv angefühlt. Der Geruch von ihm erinnerte an einen Ort von Geborgenheit. Wenn alles zusammenfällt verletzt dein Stolz nichts mehr, als eine kaputte Beziehung an der du hart gearbeitet hast. Das Herz erfährt eine Qual, welche in fast schon spiritueller Hysterie endet.
Manchmal ist die Liebe nicht stark genug und manchmal ist sie ungleich. Manchmal entsteht dadurch ein Groll, der nicht weggehen zu scheint. Und manchmal verringert sich das Vertrauen und die Leidenschaft so langsam Stück für Stück, dass du es nicht bemerkst bis ihr irgendwann wortlos nebeneinander im Auto sitzt. Die frühere emotionale Verbundenheit, welche für jede gesunde Beziehung wichtig ist, ist irgendwann nicht mehr da. Irgendwann hat man keine Lust mehr ihm seitenlange Briefe zuschreiben, ihn täglich über seinen Alltag erzählen hören oder sich besonders nur für ihn herzurichten. Irgendwann tut die Zeit ihre Wirkung. Ich hab ihn auf irgendeine Art und Weise geliebt für das was er war, in der Zeit in der er in meinem Leben war.
“Ich hab wieder angefangen Kontakt zu einem alten Freund zu haben..” und während ich versuchte die richtigen Worte zu finden für eine Erklärung, hoffte ich, nein eigentlich wusste ich, dass es diesmal aus dem richtigen Grund ist.
 
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